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Protokoll der Veranstaltung "Traumatisierung und Widerstand" 21.09.2008

Auftaktveranstaltung am 21.09.2008

Die Auftaktveranstaltung der Reihe "Traumatisierung und Widerstand" fand im KATO statt und war mit ca. 150 Leuten sehr gut besucht.

Nach einer kurzen Einführung in die Veranstaltungsreihe und einer Vorstellung der organisierenden Gruppen erfolgte der Einstieg in das Thema durch die Erzählung einer Betroffenen über die Bedeutung frühkindlicher Traumatisierung in Form sexualisierter Gewalt für ihr Leben allgemein und insbesondere für sie als politische Aktivistin. So waren die immer wiederkehrenden Retraumatisierungen in ihrem Leben in Erstarrungszuständen, Depersonalisierung und depressiven Zuständen getreten, was sie selbst durch erhöhte Aktivitäten versucht hatte, zu verdrängen. Und durch den frühkindlichen Missbrauch ist in ihr, wie bei vielen anderen auch, ein hohes Gerechtigkeitsempfinden gewachsen. Die Folge war ein schon zwanghaftes sich immer und überall wehren müssen. Das Umfeld war oft dadurch befremdet, was u.a. zu Spitzelvorwürfen führte. Andererseits ist es aber auch für viele nützlich, wenn es so übereifrige Aktivistinnen gibt. Es ist bis heute für sie ein einziges Experiment, mit den Traumatisierungen umzugehen und gleichzeitig sich im Widerstand sein zu wollen.

Im Anschluss berichtete ein praktisch tätiger Arzt, der über das Thema Traumatisierung promoviert hatte, den theoretischen Hintergrund. Was ist ein Trauma? Wie wirkt sich ein Trauma/ verschiedene Traumata unter unterschiedlichen Bedingungen aus? Welche Rolle spielen Vorerfahrungen der Betroffenen, welche das soziale Umfeld etc. Die Inputs der Veranstaltung abschließend war ein Beitrag eines Genossen über seine Geschichte von Traumatisierung im Kontext familiärer Vorgeschichte und permanenter Nazi-Bedrohung in einer ostdeutschen Kleinstadt sowie deren Reaktualisierung aufgrund der Retraumatisierung durch Verhaftung und Knast.

In allen drei Beiträgen wurde auf den Umgang mit traumatischen Erfahrungen sowie traumatisierten Menschen in der Szene inhaltlich eingegangen. Die Frage nach eigenen Erfahrungen mit diesem Thema sollte in Kleingruppen im Anschluss an die Inputs diskutiert werden. Die Ergebnisse der Kleingruppendiskussionen wurden dann zurück ins große
Plenum getragen:

(diese Diskussion ist jetzt nur in Stichpunkten wiedergegeben)

  • Viele Traumatisierte "gehen in eine andere Welt" und haben als Aufgabe zu lernen, Sachen stehenzulassen
  • Die Veranstaltungsreihe zum Thema Traumatisierung löste in der Ankündigung teilweise Verärgerung aus – sie ist sehr schwergewichtig geplant im Vergleich zu anderen Themen. Nach der Veranstaltung selbst hat sich das Bild/ der Eindruck verändert. In den letzten 30 Jahren hat es so öffentlich noch kein Gespräch über die Thematik gegeben, das ist eine große Bereicherung _ Dank an die Organisation und v.a. die Betroffenen, die so öffentlich gesprochen haben.
  • Für viele Traumatisierte wiederholen sich Ohnmachtserfahrungen im politischen Kontext – Gefahr der Retraumatisierung
  • Hintergrund vieler in der Kindheit traumatisierter ist die Tabuisierung von Gefühlen im familiären Raum – dies wiederholt sich oft in Szenezusammenhängen, tough sein müssen für Aktionen, nicht weich und verletzbar sein, sich so zu zeigen – dann kein harter Aktivist oder Aktivistin
  • Thema: welcher Gefühlsraum ist angesagt, welcher nicht
  • Schamgefühle, wenn mensch nicht tough ist
  • Druck des funktionieren müssen für Aktionen
  • Das stimmt nicht immer, es ist wichtig zu sehen, dass nicht alle alles machen müssen
  • In der Szene herrschen zielgerichtetes Denken statt Insichhören vor
  • Wir reproduzieren den Leitspruch des Kapitalismus: wie sind wir möglichst effizient
  • Es gibt eine emotionale Dichtheit in der Szene
  • Einige rekapitulieren den Verlauf der eigenen Biographie in der Szene
  • Einstellungsbündnis formuliert das Bedürfnis nach näherem und engerem Umgang miteinander
  • Es gibt eine emotionale Dichtheit in der Szene
  • Widerspruch dazu: das stimmt in der Ausschließlichkeit so nicht, die Szene trägt auch vieles. Wo können sich denn nicht funktionierende Menschen so frei bewegen wie in der linken Szene? Dazu kommt, dass es auch wichtig ist, sich selbst und in den Zusammenhängen klar zu machen, wieviel überhaupt tragbar ist. Wenn Leute richtig abkrachen und
    zusammenbrechen, dann ist das teilweise nicht mehr tragbar und es muss auf professionelle Hilfe zurückgegriffen werden
  • Es ist eine berechtigte Frage, ob wir die Strukturen haben, schwer psychisch "Erkrankte" tragen zu können
  • Widerspruch:_ Vorsicht vor professioneller Hilfe, da muss man ganz genau schauen – Hinweise auf Antipsychiatriebewegung Effizienz von Aktivität: "ein Umgang, der darauf lauscht, wo ich stehe und wo der/die Andere steht ist langsamer, nervt teilweise, lohnt sich aber. Die Hoffnung ist nicht, dass eine Sache gut ausgeht, sondern dass
    es Sinn macht, diese zu tun"
  • "Wenn du schnell ans Ziel kommen willst, gehe Umwege".
  • Das ganze Nicht-Achten von Bedürfnissen, Emotionen, Grenzen ist typisch für die autonome Szene und nicht für alle linken Szenen. Die Themen, die hier mal in der Ausführlichkeit in der gemischten Szene diskutiert werden, werden in der Frauen-Lesben-Szene seit vielen Jahren diskutiert – diese ist Vorreiterin dafür.
  • Wer sich selbst als weich erleben möchte (als möglicherweise traumatisiert) braucht eine weiche Umgebung
  • Das Schlimme am Trauma ist oft, dass es dafür keine Worte gibt, dass man es dadurch wenig mitteilen und für sich kognitiv begreifen kann
  • Alltägliche Traumatisierung durch Erziehung: Kindern werden Impulse und Spontaneität aberzogen, in ganz normaler Kindererziehung läuft ein ständiger Machtmissbrauch
  • Wie kann ein politischer Umgang mit der Thematik aussehen? Wie kann eine Prozess_strategie vor dem Hintergrund von Traumatisierung und psychischem Zusammenbruch entwickelt werden? Wie kommen wir in kollektive und solidarische Diskussion?
  • Vorsicht vor einer linken Vereinnahmung des Trauma-Diskurses. Traumatisierung kommt in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Auch Faschos oder Bullen sind traumatisiert und können im Kontext politischer Auseinandersetzungen traumatisiert werden – es geht nicht um eine Vereinnahmung und dem so tun, als wäre Trauma in linkes Thema. Es ist
    ein allgemeines Thema, das in der linken Szene bisher zu wenig Anklang gefunden hat und zu wenig – vor allem öffentlich – diskutiert wird.
  • Schutz vor Traumatisierung im Kontext von Repression: gemeinsames Überlegen in der Gruppe und ein sich auf Extremsituationen vorbereiten. Bei Aktionen wirklich wirklich nur das machen, was man selbst will und wo man voll und ganz dahinter steht.
  • Halten Menschen mit einem Traumahintergrund den Druck durch Repression aus?
  • Wenn welche zusammenbrechen, liegt das weniger an Traumatisierung und psychischer Überforderung.