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Protokoll der Veranstaltung "Trauma zur Waffe machen?" 25.01.2009

Veranstaltung zu „Trauma zur Waffe machen? Wie gehen wir mit Menschen um, die aktuell nicht funktionieren, ‚verrückt‘ wirken?“ am 25. Januar 2009

Die Veranstaltung im sehr kalten Pavillon des Statthaus Böcklerpark war wieder sehr gut besucht. Insgesamt dauerte sie ungefähr drei Stunden und war von reger Diskussion geprägt. Die Struktur war dieses Mal anders als bei den beiden anderen Veranstaltungen. Während die Vorhergehenden von thematischen Inputs und ExpertInnenbeiträgen geprägt waren, wurden dieses Mal nur sehr kurze Einleitungen aus der Veranstaltungsgruppe gegeben. Im Anschluss daran wurden drei Fragen ins Podium zur Diskussion gegeben. Die Zielsetzung der Herangehensweise war, dass möglichst viele der Anwesenden zum Thema miteinander ins Gespräch kommen sollten.

Einführung ins Thema durch die Veranstaltungsgruppe:

Rückblickend auf die letzte Veranstaltung wurde noch einmal eine Korrektur der Herangehensweise respektive Sichtweise der organisierenden Gruppen genannt: es geht nicht darum, dass alle Menschen von Traumatisierung betroffen sein sollen (das scheint bei manchen als Eindruck aus der Veranstaltung entstanden zu sein). Es geht darum, der Thematik und damit auch den Betroffenen ein anderes, größeres Forum zu schaffen, ein größeres Bewusstsein für die Thematik auszulösen und damit einen sensibleren Umgang damit zu ermöglichen. Im Anschluss wurden verschiedene Fragestellungen aufgeworfen, die Teil der Thematik sind:

Frage: „Wie gehen wir mit Menschen um, die aktuell nicht funktionieren? Welche Leistungsnormen reproduzieren wir selbst in unseren Zusammenhängen? Was löst das individuell bei einzelnen sowie in politischen Gruppen oder anderen kollektiven Zusammenhängen aus?

  • Inwiefern macht uns Traumatisierung klein? Inwiefern können wir aber auch daraus eine kollektive Strategie entwickeln, um eine kollektive Stärke zu entwickeln?

  • Traumatisierung wirkt nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf deren Umfeld. Wirkt zwischen den Generationen, von Generation zu Generation – siehe die Auseinandersetzung um NS und Shoa und generationsübergreifende Auswirkungen.

  • Eine Fachdiskussion zum Verständnis der Demenz kommt aus dieser Ecke: das 20. Jahrhundert war aufgrund der beiden Weltkriege, dem Nationalsozialismus, der Shoa, den Massenvergewaltigungen etc. von Traumatisierung geprägt, die oftmals nicht aufgearbeitet sondern verdrängt worden sind. Eine Auswirkungen dieses massiven Verdrängungsprozesses und der daraus resultierenden psychischen Anspannung könnte die krankhafte Vergesslichkeit im Alter (Demenz) sein-…

  • Welche Zusammenhänge zeigen sich zwischen Traumatisierung und Kapitalismus? Dieser profitiert davon, da allzu häufig die Betroffenen klein bleiben und andere (als Wiederholung der eigenen Ohnmacht) andere in ihrer Macht ermächtigen

  • Warum ist eine Sensibilisierung auch wichtig? Manche Betroffenen, die sich nicht mit den eigenen Verletzungen auseinandersetzen, werden selbst zu TäterInnen (siehe beispielsweise die Pädophilie-Diskussion – viele der Täter von heute sind Überlebende sexualisierter Gewalt als Kinder/ Jugendliche. Dieser Kreislauf ist aber zu durchbrechen. Betroffene haben hier eine Verantwortung zur Auseinandersetzung mit eigenen Verletzungen, genauso wie ihr Umfeld zur Ermöglichung derselben.

  • Durch das offene Sprechen über die Thematik wird den Betroffenen die Erkenntnis erleichtert, dass nicht sie verrückt sind, sondern dass ihnen etwas verrücktes passiert ist, auf das sie eigentlich mit ihren Symptomen ganz normal reagieren. Aha-Erlebnisse können möglich sein: „nicht ich bin verrückt, sondern…“; „es gibt einen Grund dafür, dass ich so (anders als die anderen) bin, wie ich bin….

Als weiteren Einstieg ins Thema wurden zwei verschiedene Definitionen von Traumatisierung genannt und aus den beiden vorherigen Veranstaltungen berichtet. Im Anschluss begannen die drei Fragerunden mit der offenen Diskussion (die stichpunktartig protokolliert ist):

  • Hilflosigkeit

  • Genervt sein

  • Rückzug von der Person

  • Wenig Umgang damit innerhalb der Gruppe, wird individualisiert

  • Mit Andeutungen um sich schmeißen

  • Fasziniert sein

  • Wann hört das auf? Nerv!!

  • Ausgrenzung der Person auf politisch korrekte Weise: besser ab in die Psychiatrie, aber diese Psychiatrie muss alternativ sein

  • Abschiebung der Person und damit das Problem loswerden

  • Wichtig ist doch die Fragestellung: Wie kommt denn eigentlich das „verrückt sein“ zustande? Wie wirkt das nach außen? Und was steckt denn dahinter. Nur wenn sich das Umfeld diese Fragen stellt, ist ein adäquater Umgang mit dem Menschen möglich. Oftmals werden scheinbare verrückte Sachen dann verständlicher

  • Angst, Berührungsangst

  • Nicht offen gegenüber den Betroffenen zu sein, so zu tun, als ob, mit anderen zu reden und nicht mit den Betroffenen selbst

  • Der Umgang mit den Betroffenen kann so nicht pauschalisiert werden. Es ist doch sehr unterschiedlich, wie man/ frau damit umgeht. Zum einen gibt es nicht „die Betroffenen und die typische Betroffenen-Reaktion“, zum anderen reagiert ein Umfeld auch immer verschieden. Ganz wichtig ist doch eigentlich auch, wie nah man sich dem oder der Betroffenen fühlt.

  • Es gibt auch soziale Zusammenhänge, die auffangen oder das zumindest versuchen. Bisher klang immer durch, als ob alle eher die Augen verschließen wollen, nicht wahrnehmen wollen und wenn sie dann gezwungen sind zur Wahrnehmung, dass dann die Betroffenen ausgegrenzt werden. Das stimmt so nicht.

  • Man muss aber auch klar benennen, dass es eine Grenze der Belastbarkeit und Machbarkeit von sozialen oder politischen Gruppen gibt. Es wäre ein falsch so zu tun, als ob ein Zusammenhang immer dazu in der Lage wäre, einen Menschen im Abkacken aufzufangen und zu stabilisieren. Dann kommt ganz real die Frage nach professioneller Unterstützung auf. Und das ist nicht immer und per se das Abschieben der betroffenen Person. Manchmal einfach auch nur der realistische Umgang mit den eigenen Grenzen.

  • Es muss differenziert werden zwischen nicht funktionieren und verrückt wirken. Das sind nochmal verschiedene Themen oder Ausprägungen und lösen auch verschiedene Reaktionen aus. Ein nicht zu funktionieren kann ja schon sein, sich zu schwach für irgendeine Aktion zu fühlen…

  • Wer setzt eigentlich die Maßstäbe für ein nicht zu funktionieren oder anders formuliert: wer bestimmt, was eigentlich funktionieren ist? Es kann ja eigentlich auch gesagt werden – eben entsprechend der Normen einer Gruppe – dass ein sich zu schwach fühlen für eine Aktion und dann auch nicht zu der Aktion hinzugehen ein sehr gutes Funktionieren ist und ein dennoch und immer zu allem hinzurennen das nicht-funktionieren darstellt

  • Wichtig ist immer, den Begriff und die Norm des Funktionierens zu hinterfragen

  • Die Achtsamkeit einer Gruppe sollte ein hoher Wert in politischen Zusammenhängen darstellen – aber: es ist auch wichtig, dass eine Gruppe funktioniert. Politische Gruppen haben oftmals einen ganz realen Zeit- und Machbarkeitsdruck, was Aktionen und Widerstand betrifft. Ist es denn ein realistischer Anspruch, dass in diesem politischen Druck die Achtsamkeit einer Gruppe erhalten bleibt?

  • Gerade in der Situation der Revolte (Ausgangspunkt waren die Kämpfe in Griechenland mit einem kurzen Ausblick auf die 80er hier) ist die Achtsamkeit der Gruppe erforderlich. AktivistInnen aus den 80ern berichten, dass gerade damals, als alle on the road und am kämpfen waren, die Achtsamkeit aufeinander in der Gruppe besonders hoch war – Dinge kommen viel schneller zur Sprache

  • Naja, ist es aber nicht auch so, dass unter Druck der schnellste, einfachste und pragmatischste Weg gewählt wird?

  • Und fragt doch mal all die Leute, die irgendwann ganz still und leise aus politischen Gruppen herausgegangen sind. Das hat oftmals viel mit unhinterfragten Normen innerhalb politischer Zusammenhängen/ Strukturen zu tun. Gilt nicht die Aussage: wenn frau/ man politisch ist, dann muss Mann oder Frau auch so und so sein? Und wer dem nicht entspricht, braucht ein starkes Selbstbewusstsein, um dem normativen Druck der Zusammenhänge innerlich stand zu halten. Auch die politische Szene hat die allgemeinen Leistungsnormen aufgegriffen, verinnerlicht und reproduziert sie ständig neu.

  • Es gibt die Ansprüche in einer Gruppe an aktive Mitarbeit: wir haben die und die Ziele in der und der Zeit und die wollen wir unbedingt erreichen. Oftmals haben die Gruppen so wahnsinnig viel zu tun.

  • Oftmals ist grade für Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen die Abgrenzung von all dem Druck schwierig. Oftmals sind es gerade die traumatisierten Menschen, die sehr viel leisten, alles übernehmen, ständig am rödeln sind… Was ist eigentlich mit Menschen, die aufgrund von Traumatisierung powern und funktionieren ohne Ende (wieder hier die Thematik: es gibt nicht DIE Betroffenen, es ist sehr unterschiedlich, wie mit Gewalterfahrungen umgegangen wird…)

  • Und diejenigen sind in der Szene besonders anerkannt, die auf unglaublich vielen Plena erscheinen und dort unglaublich viel reden und unglaublich viele Dinge übernehmen. Da geht’s schon auch um Szene- Hierarchien und blanke Macht.

  • Diese Ziele sind oftmals sehr groß, sehr abstrakt und – eigentlich nicht erreichbar. Damit entsteht ein pausenloser Druck, dem die AktivistInnen ausgesetzt wird. Die Norm ist nie zu erfüllen.

  • Eigentlich müsste der oder die Langsamste in der Gruppe die Norm setzen

  • Geht es nicht auch darum, die Unterschiedlichkeit an Kapazität, an Kraft, an Energie zu würdigen. Menschen mit knappen Ressourcen auch zu würdigen. Ein anderes Beispiel ist ja auch, wenn Menschen in festen Arbeitsverhältnissen stecken oder Eltern werden – dann sind die zur Verfügung stehenden Ressourcen ebenfalls deutlich begrenzt.

  • Eine Veränderung der letzten Jahre ist, dass in politischen Zusammenhängen der Glaube daran verloren gegangen ist, mit wenigen Mitteln viel zu erreichen

  • Wichtig ist auch, die Erreichbarkeit der Ziele zu hinterfragen, um sich nicht pausenlos selbst unter Druck zu setzen. „Wenn ihr eure Ziele nicht innerhalb von fünf Jahren erreichen könnt, dann lasst sie sein.“

  • Wir reden hier die ganze Zeit davon, dass innerhalb politischer Gruppen ein immenser Druck produziert wird. Es ist jetzt auch mal wichtig daran zu erinnern, dass der Druck aufgrund von äußeren Verhältnissen entsteht.

  • Wie werden eigentlich Ziele festgelegt, nach welchen Maßstäben? Daran, was getan werden muss angesichts der politischen Verhältnisse oder daran, was wir eigentlich leisten können?

  • In politischen Zusammenhängen wird viel zu wenig über Macht gesprochen. Macht haben in der Regel diejenigen, die auf vielen Treffen sind, die viel reden können und wollen und rhetorisch fit sind. Oftmals sind es Überlebende von Gewalterfahrungen, die Gruppen in ihrem Funktionieren „sprengen“ (zumindest wird das teilweise von anderen Gruppenmitgliedern so wahrgenommen). Dieses sogenannte Sprengen läuft dann dadurch, dass die Machtstrukturen benannt werden, dass eingefordert wird, dass „Schicht im Schacht“ ist und dass jetzt in der Gruppe ansteht, dass es ausschließlich um die Gruppenstruktur und die Reproduktion von Macht innerhalb der Gruppe gehen kann…

  • Anregung: es wäre besser, nicht ständig mit dem allgemeinen Begriff der Traumatisierung zu operieren. Traumatisiert sind viele – durch einen Autounfall, eine Naturkatastrophe etc. >Wir reden hier doch eigentlich über die Betroffenen oder Überlebenden von Gewalterfahrungen und sollten das auch als solches benennen.

Einführung ins Thema durch die Veranstaltungsgruppe:Frage: Welche Widerstandsstrategien haben die Betroffenen? Womit sind die sozialen und politischen Zusammenhänge konfrontiert?

 

  • Viel machen

  • Atemlosigkeit

  • Wer viel rennt und macht und tut, der spürt sich und das unangenehme im Inneren weniger

  • Oftmals können sich Traumatisierte unglaublich für andere einsetzen. Leider fehlt oft diese Fähigkeit im Einsatz für sich selbst

  • Gerade in politischen Zusammenhängen sollten sich die Betroffenen bewusst sein, dass es auch eine Überlebensstrategie ist, sich auf die (anderen) Betroffenen von Gewalt und Herrschaftsverhältnissen zu stürzen und „diese zu retten“. „Je mehr gerettet werden kann, desto weniger bist du selbst Opfer“.

  • Man muss aber auch sagen, dass oftmals gerade die eigene Betroffenheit die Menschen dazu befähigt, sehr gut mit anderen Betroffenen umgehen zu können, sich in diese einfühlen zu können, eher zu erahnen, was diesen im Moment gut tun könnte, eigene Erfahrungen weitergeben zu können… Oftmals sind selbst Überlebende die besten Therapeut/-innen

  • ABER: erst das Anerkennen des eigenen Opferseins mit all dem impliziten Schmerz, die Öffnung gegenüber sich selbst ermöglicht es, wirklich dazu in der Lage zu sein, sich wirklich empathisch in andere einzufühlen

  • Niemand hat das Recht, jemand anderem vorzuschreiben, wie eine adäquate Verarbeitung aussehen kann. Es ist verdammt nochmal legitim, wenn sich welche dafür entscheiden, wenig spüren zu wollen , verdrängen zu wollen – es ist eine legitime Form der Verarbeitung, immer wieder von Verdrängung und Aktivismus zu Zusammenbruch und wieder aufstehen zu Verdrängung und Aktivismus zu… usw.

  • Das sollte hier auch nicht in Frage gestellt werden. Es geht nur darum, wie viel wirkliche Empathie möglich ist, wenn jemand für sich selbst die Entscheidung der Verdrängung getroffen hat. Es ist schwierig, ohne einer Öffnung gegenüber sich selbst und einer daraus resultierenden Verarbeitung mit anderen Betroffenen zu arbeiten. Der Ausgangspunkt war doch die Arbeit mit den Betroffenen…

  • Eine weitere Strategie der Betroffenen ist der Rückzug aus politischen Zusammenhängen – z.B. in die Antipsychiatriebewegung. Ein Hintergrund dafür ist die jahrelange Stigmatisierung innerhalb der politischen Szene…

  • Antipsychiatrie und die Auseinandersetzungen von früher sind in der jüngeren politischen Szene gar nicht mehr bekannt. Das ist auch nur ein Beispiel dafür, wie wenig ältere Ansätze/ Geschichte/ Erfahrungen heute noch bekannt sind. Es ist wichtig, sich zu überlegen, wie alte Ansätze integriert und aufbereitet und damit auch weiterentwickelt werden können

  • Sind nicht die häufigsten Strategien von Überlebenden traumatisierender Erfahrungen Drogen, Süchte, sozialer Rückzug?

  • Wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen ganz verschieden damit umgehen!!!! Es sind nicht alle psychiatriebetroffen, süchtig, psychisch krank oder auffällig oder ähnliches. Viele fallen uns gar nicht auf, da diese entweder sehr gut oder auch sehr unauffällig und ruhig damit umgehen können. Es macht auch einen Unterschied, welche Erfahrungen ein Mensch gemacht hat – was für Traumatisierungen hat mensch zu welchem Zeitpunkt in der Biographie gemacht. Ein Kind wird bestimmt weniger gut damit umgehen können als ein psychisch stabiler erwachsener Mensch. Wie häufig finden Traumatisierungen statt? Treffen Erfahrungen auf vorherige Erlebnisse? In welchem Umfeld befindet sich der betroffene Mensch? Erlebt dieser Mensch Unterstützung mit den Erlebnissen? Ist es dadurch möglich, Erlebtes zu verarbeiten??? Jeder Mensch geht anders damit um und hat verschiedene Ressourcen zur Bewältigung!

  • Es gibt einfach auch Leute, die sehr gut verarbeiten können, einfach weil es neben schlimmen Erfahrungen viele persönlichen oder sozialen Ressourcen zur Bewältigung gibt.

  • Im Umgang mit den Betroffenen oder vielleicht auch eher allgemein in sozialen Gruppen geht es darum, gegenseitig Emotionen und Befindlichkeiten wahrnehmen zu können und auch darauf zu achten.

  • Wichtig wäre die Entdeckung der Langsamkeit – der Verarbeitungsformen von Ereignissen, von… zu akzeptieren, dass viele Dinge Zeit brauchen

  • Eine Anregung aus der traumatherapeutischen Arbeit für die Zusammenarbeit in sozialen und politischen Gruppen ist die biographische Methode: dabei geht es darum, durch das Erzählen der eigenen biographischen Geschichte diese als solche verstehen zu können und die (IMMER) darin vorhandenen Ressourcen auch als solche erkennen zu können. „Heute mit meiner Entwicklung denke ich, dass die Ereignisse in meinem Leben auch eine Ressource gewesen sind. Ich wäre heute nicht der- oder diejenige, die ich bin…

  • Es wird das Bedürfnis formuliert, in einer Gruppe von Traumatisierten politisch zu arbeiten. Dies könnte ebenfalls eine Möglichkeit der Strategie des Umgangs mit der Thematik zu sein.

 

  • PAUSE –

Frage: Welche kollektiven Handlungsmöglichkeiten haben wir? Wie können wir kollektive Strategien im Umgang mit der Thematik finden?

 

Und zwar mit Menschen, die Gewalterfahrungen gemacht haben in politischen Zusammenhängen oder aber auch mit Gruppen, die Gewalterfahrungen gemacht haben und dadurch traumatisiert worden sind (Genua)

  • Grundsätzlich sollte ab einer bestimmten Gruppengröße immer in Kleingruppen gearbeitet werden, die auch fest und nicht von Treffen zu Treffen wechselnd sind. Nur dadurch kann ermöglicht werden, dass Einzelne wirklich wahrgenommen werden können. Ab einer bestimmten Gruppengröße geht das strukturell nicht mehr. Und nur, wenn Einzelne wahrgenommen werden, können diese auch bei Bedarf gestützt werden

  • Intensiver biographischer Austausch in den Gruppen – ein Genosse erzählt davon, dies als sehr produktiv und die Gruppe(n) verbindend wahrgenommen zu haben. Der dadurch auch stattfindende Austausch über Gewalterfahrungen hat sich als sehr produktiv und als große Ressource für die Gruppe und die Zusammenarbeit gezeigt. Allerdings erfordert dies auch eine enorme zeitliche Ressource – die Gruppen damals sind dafür extra mehrere Wochenenden weggefahren, Einzelne haben bis zu 6 Stunden erzählt. Es erfordert auch eine enorme emotionale Kraft, zum einen weit in die eigene Geschichte reinzugehen und diese für andere zu öffnen – zum anderen die Erzählungen der anderen zu verfolgen…

  • In Gruppen sollten grundsätzlich bestimmte Basics beachtet werden: Redeverhalten, Befindlichkeiten der Einzelnen, persönliche Besonderheiten der Einzelnen – dem kann auch strukturell Rechnung getragen werden: Befindlichkeitsrunden zu Beginn, Abschlussrunden… Welche, die nicht gerne in größeren Zusammenhängen sprechen einzeln ansprechen und nicht in großen Runden zu Aussagen drängen…

  • Austausch in den Gruppen: was brauchen die Einzelnen, um eine Aktion zu machen? Zu einem Camp zu fahren? Ziel sollte sein, dass alle in einer Gruppe am Ziel ankommen

  • Wichtig ist immer wieder, sich als Gruppe die eigenen Ressourcen zu vergegenwärtigen. Auch gute gemeinsame Erfahrungen zu machen (zum Beispiel ein gemeinsames Wochenende zu verbringen, das ausschließlich der Entspannung dient)

  • Nach jeder gemeinsamen Aktion sollte eine Nachbesprechung stattfinden, dabei muss darauf geachtet werden, dass die Einzelnen wirklich Platz haben: was hat mir gut getan? Womit hatte ich Schwierigkeiten? Wie kam ich aus den Schwierigkeiten raus? Was hätte ich gebraucht? Dadurch kann die alte gemeinsame Erfahrung abgeschlossen werden, es resultieren Lernerfahrungen über sich und die Gruppe, dadurch kann wieder Neues angefangen und das Alte integriert werden

  • Diese Auseinandersetzung nicht nur auf der individuellen Ebene führen, sondern auch in Reflektion der Gruppe: welche Handlungsmöglichkeiten hatten wir? Wo hatten wir keine Handlungsmöglichkeiten? Wie können wir das das nächste Mal auch anders machen.

  • Aus der Traumatherapie ist bekannt, welch hohe Kraft Bilder haben. Auch politische Zusammenhänge sollten damit ressourcenorientierter sein. Dabei sind positive Bilder wichtig – also welche Bilder ziehe ich mir wann und in welcher Intensität rein? Die Präsenz von Demo-und Bullen-Brachialbildern ist nicht wirklich ressourcenorientiert.

  • Burn-Out oder Erschöpfung von Einzelnen in der Gruppe oder der Gruppe selbst wahrnehmen. Dabei helfen oft ganz banale Sachen: Pausen verordnen, Essen, ausreichend schlafen… Dies an die Betroffenen herantragen oder sich als Gruppe auch Auszeiten zu gönnen und was schönes machen…

  • Wir als politische Zusammenhänge brauchen Strukturen, wohin Leute oder Gruppen gehen können, die in sich selbst überfordernde Situationen gebracht worden sind (siehe Outofaction)

  • Wichtig ist, dass Tabuthemen durchbrochen werden. Es sollte möglichst selbstverständlich sein, über traumatisierende Erfahrungen, über Gefühle, Ängste, Bedürfnisse und Grenzen sprechen zu können

  • Kenntnisse über Trauma, Gewalterfahrungen sollte in politische Gruppen und Zusammenhänge hineingetragen werden

  • In unserer Gesellschaft funktioniert vieles über Angst. Wir sollten unsere Gruppenstrukturen und unseren Umgang miteinander so aufbauen und gestalten, dass niemand in der Gruppe Angst haben muss. Jeder und Jede sollte das eigene Handeln so ausrichten und so auftreten….

  • Immer wieder Befindlichkeitsrunden und Austausch über den Status Quo der Gruppe zu machen

  • Die Ziele der Gruppe sollten regelmäßig hinterfragt und angepasst werden

  • Rückzugs-/ Schutzräume sollten aufgemacht werden – dazu aber die kritische Frage: gibt es diese Schutzräume denn überhaupt?

  • Bestehende Hilfemöglichkeiten nutzen (Beispiel das Beratungsangebot für Gruppen von Outofaction)

  • Ganz wichtig ist auch ein Bewusstsein dafür zu haben, dass es gerade im Umgang und der Bewältigung mit aus Traumatisierung resultierender Gefühle nicht nur um Reflektion und Denken geht. Genau das ist manchen Betroffenen gar nicht möglich, die Erfahrung und die Gefühle entziehen sich der Sprache. Zum Beispiel kann Sport oder Bewegung – oder auch kreative Methoden wie Schreiben, Malen etc. – ein sehr gutes Ventil darstellen. Ganz banal können diese in längere Gruppensessions eingebaut werden (Zeit für einen Lauf oder einen Spaziergang ohne den Anspruch zum Reden)

  • Eine Gruppe sollte ehrlich sein dürfen mit der eigenen Überforderung. Es darf auch nicht zur Norm werden, dass eine Gruppe immer mit allen möglichen psychischen Problemen aller Gruppenmitgliedern einen konstruktiven und stützenden Umgang finden kann

  • Es ist vielleicht auch mal wichtig, sich als Gruppe von einem Menschen zu trennen. Es kann sein, dass jemand so sehr in ihren/ seinen Gefühlen und Wahrnehmungen verhaftet ist, dass diese drohen, die Gruppe zu sprengen – einfach weil nichts mehr geht und der Mensch zu keiner Selbstreflektion oder Distanz zu sich selbst in der Lage ist. Eine Gruppe sollte sich dann auch gegebenenfalls von einem Menschen trennen (dürfen). Alle sollten sich auch bewusst machen, dass eine überlebte Traumatisierung/ Gewalterfahrung keine Entschuldigung für alles ist, es gibt Gründe dafür, individuell oder als Gruppe nicht alles aushalten zu müssen, was die Betroffenen so anbringen. Das ist und bleibt aber ein schwieriger Schritt – und findet konkret vielleicht auch eher in Einzelbeziehungen als im Gruppenkontext statt.

 

Der Tipp zum Schluss: vielleicht bei der nächsten Veranstaltung nochmal an die bestehende UnterstützerInnenstruktur vor Ort erinnern. Es sind in der Pause viele gegangen und möglicherweise war die eine oder der andere dabei, dem die Thematik zu viel geworden ist und dem/ der ein Gespräch gut getan hätte….