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Protokoll der Veranstaltung "Leben unter dauerhafter Bedrohung" 23.11.2008

Protokoll der Veranstaltung vom 23.11. 2008

Warum machen wir diese Veranstaltungsreihe?/ Was wollen wir damit erreichen?

Der Anstoß zu dieser Veranstaltungsreihe gab ein im "mg-Verfahren" Angeklagter. Durch Traumatisierungen war er nach der Verhaftung nicht in der Lage so zu funktionieren wie das einige gerne gesehen hätten. Es gab Menschen die sagten, dass Traumatisierte sich nicht in eine solche Situation begeben sollten. Wir wollen mit dieser Veranstaltungsreihe Wege und Möglichkeiten finden, traumatisierte Menschen in den Widerstand mit einzubeziehen. Dazu schien es erstmal wichtig die Muster und Strukturen von Traumatisierung zu verstehen. Kollektive Umgangsweisen und Lösungsansätze auf die Schnelle zu finden, kann diese Veranstaltung nicht - aber sie soll ein erster Anstoß dazu sein.

Was ist Traumatisierung? - Physiologische und Psychologische Mechanismen

Traumatisierung wird in zwei Dimensionen gedacht. Einerseits auf der Ebene der Veränderung des Selbst- und Fremdbezuges, der Verletzung der eigenen Integrität und die daraus resultierenden Leiden. Andererseits auf der Ebene von hirnphysiologischen Veränderungen die durch nicht verarbeitete Traumatisierungen entstehen. Dieser Mechanismus, der in subjektiv lebensbedrohenden Situationen in Kraft tritt, wird Dissoziation genannt. Er ist definiert als passives, automatisches Geschehen, das eintritt, wenn der Organismus überlastet ist.

In seiner einfachsten Beschreibung funktioniert Dissoziation so: Das menschliche Gehirn besteht aus unterschiedlichen Teilen. Der eine Teil ist die sog. Großhirnrinde, die für die Metaperspektive, für die Einordung von sozialen Beziehungen, für die Versprachlichung, usw. zuständig ist.

Auf einer älteren Ebene des Gehirns haben Menschen einen Rettungsmechanismus aus der Tierwelt übernommen. Sind sie einer subjektiv lebensbedrohenden Situation ausgesetzt, reagiert der Körper mit Flucht oder Kampf, was in vielen Situationen das Überleben sichert. Wenn aber, wie in traumatisierenden Situationen oft der Fall, Flucht oder Kampf unmöglich sind, kann der Körper die entstandene Spannung nicht sinnvoll abführen und betätigt eine Art Notschalter - den sog. Totstellreflex. Schmerzen werden dann nicht mehr oder nur eingeschränkt empfunden, man beobachtet sich selbst von außerhalb. Das führt dazu, dass das Gehirn die Einordnung dessen was geschieht nicht vornehmen kann, es kann weder in Raum noch in Zeit verortet werden. Als Resultat dessen fühlt sich das, was Menschen von solchen Situationen später wieder einfällt, an als würde es "jetzt " passieren - obwohl es längst vorbei ist.

Ein Großteil der mit Traumatisierung einhergehenden Symptome, wie z.B. Albträume, Neben-Sich-Stehen und Wutanfälle, sind Folgen dieser Nicht-Verarbeitung.

Der Weg zum Verstand, der Zugang zu den höheren Hirnregionen wird in dem Zustand der Dissoziation abgeschnitten. Ein Zugriff auf bewertende oder wahrnehmende Teile unseres Gehirns ist unmöglich. Dadurch erweitert sich der Moment der Lebensbedrohung auf eine zweite Ebene der Hilflosigkeit, die Ebene der Beherrschung des eigenen Körpers. Somit wird nicht nur die Gefahr von Außen als Bedrohung erlebt, sondern auch das eigene Unvermögen.

Eine nachträgliche Integration des Erlebten kann nur in einem "mittleren Erregungsniveau" stattfinden. Unter permanenter Bedrohung ist Überspannung jedoch der Normalzustand, weshalb eine Integration der Traumatisierung oft über Jahre nicht möglich ist. Kompensiert wird das oft über "perfektes Funktionieren" und/oder Vermeidungsstrategien.

 

"Erfahrungsberichte"

- Leben unter permanenter Nazipräsenz

K. erzählt von ihren Erfahrungen als Antifa in Frankfurt/Oder. Seit 2005 ist dort eine steigende Tendenz zur Gewaltbereitschaft der Neonaziszene festzustellen. Bei der WM 2006 waren Antifa-Gruppen noch zu Public-Viewings oder Stadtfesten gegangen, die Folge waren Angriffe durch Neonazis. Heute wagt es niemand mehr in Gruppenstärke bei solchen Veranstaltungen aufzutauchen. Stattdessen wird aus sicherer Entfernung beobachtet, aber nie ohne vorher eine Fluchtmöglichkeit ausgelotet zu haben.

Das genaue Kennen der Nazis schützt natürlich nicht nur vor Angriffen, weil man ihnen rechtzeitig aus dem Weg gehen kann. Es löst gleichzeitig beim Bewegen in der Stadt Angstgefühle aus, da man die Befürchtung hat, von den Nazis, die man selbst erkennt auch bemerkt zu werden. Die Angst, beim Gang durch die Stadt angegriffen zu werden, führt dazu, dass man sich überlegt, wann man sich wo und wie bewegt. Das heißt man nimmt lieber das Fahrrad als zu Fuß zu gehen, legt manche Strecken nur mit dem Auto zurück und überlegt sich vorher, welche Wege man nimmt oder ob man bestimmte Strecken nicht allein, sondern nur in Begleitung zurücklegt.

In den letzten zwei Jahren kam es zu Angriffen auf Wohnungen von Antifaschist_innen. Die Wohnung als sicheres Rückzugsgebiet zu begreifen, funktioniert nur solange, bis die Erfahrung anderes lehrt. Zwei Antifaschisten sind Opfer von Angriffen auf ihre Wohnungen geworden. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Der eine zog in eine WG und fand so den gewünschten Schutz. Der andere suchte sich eine neue Wohnung, zog zu einer Freundin. Gleichzeitig rückte er jedoch zunehmend ins Blickfeld der Ermittlungsbehörden - wer von Nazis angegriffen wird, wird wohl schon auch Täter sein. Als Konsequenz zog er sich aus der Gruppe zurück - er wollte oder konnte nicht mehr, und die Gruppe hat das so hingenommen. Eine Auseinandersetzung damit fand nicht wirklich statt.

Anfang November wurde das Haus in dem K. lebt angegriffen. In dem Haus befinden sich mehrere WGs und ein Infoladen. Die Neonazis drangen in das Haus ein, rissen Plakate von den Wänden und verwüsteten den Flur. Als einige der Bewohner_innen schauen wollten was passiert war und auf die Straße gingen kamen die Nazis mit Billiardstöcken bewaffnet aus einer nahegelegenen Kneipe und griffen sie an. Sie wussten sich zu wehren, dennoch gab es Verletzte. Schlimmer als das war jedoch, dass die Nazis es sich erlaubt hatten IN das Haus reinzugehen. In der Gemeinschaft war es jedoch leichter mit dem Entsetzen darüber umzugehen, so wurden z.B. gemeinsam Handlungsmöglichkeiten im Falle eines wiederholten Angriffs besprochen.

 

- Leben als Illegalisierte_r

F. kommt aus Kamerun und lebt inzwischen seit 6 Jahren in Deutschland. Er erzählt von zwei verschiedenen Formen von dauerhafter Bedrohung. Da ist einerseits die Hautfarbe die ihn zur Zielscheibe von Rassist_en machen. Die Folge ist, dass er sich auf der Straße unsicher fühlt, sich immer wieder umschaut. Es gibt Gegenden in die er niemals alleine gehen würde, oder wo er sich vorher genau überlegt ob er da wirklich hin muss, ob er zu Fuß geht oder doch lieber das Fahrrad nimmt.

Die andere Form, die für ihn schwerer wiegt, ist die staatliche Repression. Angefangen bei der ED-Behandlung nach der Ankunft in Deutschland, über tagelange Verhöre, bis hin zur Unterbringung in "Heimen" in Wäldern, bzw. weit weg von Städten, oft in ehem. Kasernen. Es gibt dort nichts zu tun, die Kinder können nicht in die Schule gehen, viele junge Menschen kriegen Alkoholprobleme.

Die permanente Angst vor einer möglichen Abschiebung lähmt den Alltag, man kann keine Träume entwickeln, es gibt keine (planbare) Zukunft. Das daraus resultierende Gefühl der Unsicherheit fängt an alles zu prägen, es hat ihn, obwohl er inzwischen einen Pass hat, noch immer nicht verlassen.

Diskussion zu Möglichkeiten des Umgangs/Selbstermächtigung

  • Die Betroffenen sollten überlegen was ihnen hilft runter zu kommen und das dann auch ihrem Umfeld mitteilen.
  • Auch Menschen die unter permanenter Anspannung leben haben kurze Augenblicke in denen sie runter kommen. Es ist wichtig diese Augenblicke ausfindig zu machen, sich darauf zu konzentrieren und zu versuchen sie aus zu dehnen.
  • Es war vielen wichtig zu betonen, dass sie nicht auf eine Opferrolle beschränkt werden wollen, sondern dass es darum gehen muss eigene Formen des Widerstands zu finden, für die man sich (trotz der empfundenen Einschränkungen) stark genug fühlt.
  • Verlässliche Räume für Traumatissierte zu schaffen ist wichtig, damit sie in einem sicheren Rahmen offen erzählen können. Dazu gehört auch, dass sie nicht pathologisiert werden und ihnen statt Mitleid Mitgefühl entgegengebracht wird.
  • Für viele Betroffene ist die öffentliche ANerkennung von Traumatisierung ein wichtiger Schritt um einen Umgang damit finden zu können.
  • Es scheint für uns alle sinnvoll Ressourcen für sich selbst klar machen, um sich stabilisieren zu können und das am besten bevor mensch in schwierige Situationen kommt.
  • wir sollten uns gegenseitig mehr "Erfolgsgeschichten" erzählen, um uns zu ermutigen und zu guter letzt gab es den Spruch: "eine andere Politik ist möglich"