Artikel Likedeeler 12/06
Psychische Folgen von Repression durch Gewaltanwendung
Politische Aktivität geht oft mit dem Erleben gewalttätiger Situationen einher. Dies ist kein Zufall, sondern eine Methode der staatlichen Repression. Simpel gesagt: Wird eine Person auf einer Demo verprügelt, so werden auf der nächsten Demonstration viel mehr Menschen Angst um ihre körperliche Unversehrtheit haben. Der Staat setzt dieses Mittel gezielt ein, um durch die abschreckende Wirkung möglichst viele Menschen von politischer Aktivität fernzuhalten. Wie können wir uns dagegen wehren und dieses Instrument außer Kraft setzen?
Gewalt hinterlässt Spuren. Die physischen Wunden erfahren meist viel Aufmerksamkeit und werden sorgfältig behandelt. Doch wie steht es mit den seelischen Verletzungen?
Angst und psychische Probleme werden häufig mit Schwäche in Verbindung gebracht. In unseren politischen Kreisen hat sich eine „Kultur der Härte“ durchgesetzt. Wir sollen unerschütterliche Aktivist_innen sein, die keine Angst kennen. Sieht es in uns drinnen jedoch anders aus, dann findet oft eine Art innerer Zensur statt. Das kann schwere Konsequenzen für die Betroffenen haben. Wer nach einem krassen Erlebnis keine Unterstützung im vertrauten sozialen Netz (z.B. in der politischen Gruppe) erhält, ist mit den Gefühlen allein und kann sie nur schwer verarbeiten. Durch Furcht vor mangelndem Verständnis und drohender Stigmatisierung ziehen sich die Betroffenen häufig zurück. Viele Menschen haben als Konsequenz ihre politischen Zusammenhänge verlassen. Sie sind „ausgebrannt“.
Eine besonders schwere psychische Folge von Gewalt-Situationen, die entweder selbst erlebt oder beobachtet werden, ist das Trauma. Ein Trauma kann in einem Moment entstehen, in dem keine Kontrolle mehr möglich ist, in der weder Kampf noch Flucht eine Option sind. Die körperliche und seelische Integrität ist bedroht. Dies löst ein extremes Gefühl von Ohnmacht aus, oder auch Todesängste, Verzweifelung und den Verlust des Vertrauens in die Menschlichkeit.
Das Trauma kann durch mangelnde Unterstützung des sozialen Umfelds entweder verstärkt oder sogar erst dadurch manifestiert werden. Polizeigewalt ist schlimm genug, doch wirklich fatal ist es, sich von den Freund_innen im Stich gelassen zu fühlen. Hier kann eine sekundäre Traumatisierung stattfinden, die noch schwerwiegender ist als die primäre. Sie stellt unsere Grundüberzeugungen in Frage lässt die eigene Welt zusammenbrechen.
Es ist also extrem wichtig, dass Betroffene nach traumatischen Erlebnissen von ihrem sozialen Umfeld aufgefangen werden.
Menschen reagieren unterschiedlich auf traumatische Erlebnisse. Manche begegnen in ihrem Leben vielen krassen Situationen und kommen gut damit zurecht. Doch auch wer vieles „wegstecken“ kann, kommt möglicherweise einmal an einen Punkt, an dem eine scheinbar schon oft erlebte Situation plötzlich zu viel ist. Bei einem so genannten sequentiellen Trauma ist nicht nur der auslösende Moment entscheidend, sondern all die bereits erlebten psychischen Verletzungen, die dann zu einem emotionalen Zusammenbruch führen können.
Auch die Tagesform eines Menschen hat großen Einfluss. Ist der Körper geschwächt, zum Beispiel durch eine Krankheit, dann kann häufig auch die Psyche schlechter mit einer Belastung umgehen. Alkohol und andere Drogen können ebenfalls einen negativen Effekt haben und zum Erleben von Hilflosigkeit beitragen. Es ist also niemand wirklich immun vor einer psychischen Überlastung.
Um schwerwiegende Folgen zu vermeiden, ist besonders die Zeit unmittelbar nach einem traumatischen Ereignis wichtig. Ein sicherer Raum außerhalb der bedrohlichen Situation ist elementar. Die betroffene Person muss die Kontrolle durch Selbstbestimmung wiedererlangen und die eigene Integrität wieder herstellen. Hierzu sollte nach den Wünschen und Bedürfnissen gefragt und nicht über den Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden. Es ist jedoch hilfreich, Aufgaben und Verantwortlichkeiten abzunehmen, wenn dies erwünscht ist.
Ein_e gute_r Zuhörer_in kann helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Dabei sind gut gemeinte Ratschläge nicht von Nöten, ein wirklich offenes Ohr ist die beste Hilfe. Die Geschichte sollte immer wieder erzählt werden, möglichst in chronologischer Reihenfolge. Solche Helfer_innen benötigen unter Umständen wiederum Unterstützung, denn oft sind Erzählungen von traumatischen Ereignissen seelisch belastend.
Eine weitere gute Methode, um Stress abzubauen, ist Bewegung. Hierbei wird das im Körper angestaute Adrenalin abgebaut.
Hat eine Traumatisierung stattgefunden, so können vielfältige Probleme auftreten. Diese machen sich oft jedoch erst lange nach dem Ereignis bemerkbar, so dass sie mit ihm nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Hier ist wiederum das Umfeld der betroffenen Person gefragt, um die Zeichen zu erkennen und Hilfe heranzuziehen.
Es lassen sich grob drei verschiedene Merkmale von Posttraumatischem Stress erkennen, die in keiner besonderen Reihenfolge auftreten und unterschiedliche Ausprägung haben können.
Wiedererleben des Erlebten
Das Auftreten von Alpträumen und Flashbacks, immer wiederkehrende Erinnerungen und das Gefühl, dass einen das Erlebte nicht mehr loslässt.
Vermeidungs- und Verdrängungsverhalten
Zeichen sind Erinnerungsverlust, erhöhter Konsum von Alkohol und anderen Drogen, und Selbstisolation. Es wird alles vermieden, was mit dem Erlebten zu tun hat oder daran erinnert. Die betroffene Person versucht, eine Distanz zu dem Geschehenen aufzubauen.
Übererregbarkeit
Dazu gehören Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Gefühls- und Wutausbrüche, Angst, Panik, Konzentrationsschwierigkeiten, Schreckhaftigkeit usw.
Menschen, die unter Posttraumatischem Stress leiden, sind manchmal depressiv, haben keine Freude mehr am Leben. Sie ziehen sich zurück und scheinen an nichts mehr Interesse zu haben. Es fällt ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen und es erscheint für sie sinnlos, Pläne für die Zukunft zu machen.
Gleichzeitig machen sie sich Vorwürfe, weil sie „nicht mehr richtig funktionieren“, oder gar das Gefühl haben, „verrückt“ zu werden.
Auch machen sich manche für das Geschehene selbst verantwortlich und leiden unter Schuldgefühlen. Hier ist es wichtig, dass ALLE Beteiligten sich klar machen, dass die Schuld bei den Täter_innen liegt, und nicht bei den Betroffenen.
Genau so wie ein Arzt bei einer schweren physischen Verletzung hilfreich ist, können Therapeut_innen im Falle einer psychischen Wunde helfen. Die Wahl der professionellen Hilfe sollte allerdings vorsichtig getroffen werden. Gut sind Therapeut_innen, die bereits Erfahrung auf diesem Gebiet haben und vor allem politischer Aktivität gegenüber eine positive Grundeinstellung haben.
Noch einmal sei gesagt: auch die Menschen, die traumatisierte Personen unterstützen, brauchen Hilfe. Sich von einem Trauma zu erholen, ist oft ein langer, nicht gradlinig verlaufender Prozess, und manchmal fühlen sich die Unterstützer_innen selbst hilflos.
Sowohl vorbeugend als auch als Nachbereitung von Aktionen gilt: bildet Bezugsgruppen, in denen ihr über eure Gefühle redet. Sprecht über das Erlebte, und passt aufeinander auf. Traurigkeit, Verzweiflung und Angst sind Gefühle, die zu politischer Arbeit manchmal dazu gehören. Wenn wir etwas bewegen wollen, müssen wir aufeinander vertrauen können, ohne uns innerlich abzutöten.
Die Folgen von Repression sind kein privates Problem. Es ist an der Zeit, uns als solidarische Bewegung unserer Verantwortung zu stellen!
Mehr Info: www.outofaction.net